Der ganz
formale Wahnsinn

Demokratie – Weswegen Demokratie ein Mehr an Machtkämpfen bedeutet

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Die Forderung nach der Demokratisierung von Unternehmen hat eine spontane Plausibilität. Zwar seien, so die Klage, weite Teile der Gesellschaft demokratisiert worden, aber Organisationen in der Wirtschaft seien demokratiefreie Gebilde geblieben. Es erscheint vielen Beobachtern erklärungsbedürftig, dass zwar die Bürger eines Staates ihre Regierung wählen dürfen, die Mitarbeiter eines Unternehmens aber mit den von oben bestimmten Vorgesetzen vorliebnehmen sollen. Die Forderung angesichts dieses Demokratiedefizits lautet, dass zentrale Entscheidungen in Unternehmen von allen Mitarbeitern gemeinsam gefällt werden, dass Mitarbeiter Vorgesetzte selbst wählen können und dass diese bei mangelhafter Leistung von den Mitarbeitern auch wieder abgesetzt werden können.

Beim demokratischen Unternehmen handelt es sich um eine alte Idee. Der Grundgedanke von Genossenschaften war, dass ein Unternehmen, wenn es schon nicht im Besitz der Nutzer seiner Leistungen war, doch wenigstens im Besitz seiner Mitarbeiter sein sollte. Die Idee der selbstverwalteten Betriebe, die im Zuge der Studentenrevolten in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren in vielen Staaten an Popularität gewonnen hatte, basierte darauf, dass der Besitz von Kapital und das Einbringen von Arbeitskraft bei den gleichen Personen zusammenfallen sollten.

Mit der Vorstellung, ein Gegenmodell zum Kapitalismus zu etablieren, haben die meisten Unternehmen, die sich heutzutage für ihre demokratischen Prinzipien preisen oder preisen lassen, jedoch wenig zu tun. Im Gegenteil – der von Beratern, Managern und Unternehmer geführte Demokratisierungsdiskurs ist ein Indiz für den von den Soziologen Luc Boltanksi und Ève Chiapello konstatierten „neuen Geist des Kapitalismus“.[1]

Vom Vokabular her erinnern die Reden von Vorstandsvorsitzenden an die Rhetorik der revolutionären Befreiungsbewegungen des vorigen Jahrhunderts. Viele als modern geltende Instrumente der Personalentwicklung sind in der Studentenbewegung entwickelt worden und die Ästhetik so mancher Kampagne zur Mitarbeitermotivation hätte auch von einer marxistischen Partei stammen können. Allen Abgesängen zum Trotz hat der Kapitalismus eine beachtliche Fähigkeit entwickelt, die gegen ihn gerichtete Kritik aufzugreifen und produktiv zu wenden. Der Tenor ist: „Die neue Organisationsform muss sich rechnen“.

Wenn Demokratisierung nicht lediglich ein Ornament auf der Schauseite der Organisation sein soll, bedeutet sie den Verzicht auf Hierarchie. Natürlich – auch die Wahl von Vorgesetzten durch ihre Mitarbeiter führt dazu, dass es eine Hierarchie gibt. Aber diese Hierarchie ist dadurch geschwächt, dass die Vorgesetzten ja jederzeit damit rechnen müssen, von ihren Mitarbeitern wieder abgesetzt zu werden. Das führt zwangsläufig dazu, dass gewählte Hierarchen eine deutlich größere Zurückhaltung dabei zeigen, Erwartungen mit Hinweis auf ihre hierarchischen Weisungsbefugnisse durchzusetzen. Es herrscht die Vorstellung, dass in diese Lücke eine verstärkte Steuerung über Verständigung und Vertrauen treten kann. Sicherlich – man darf die Bedeutung von Verständigung und Vertrauen in Organisationen nicht unterschätzen, aber die Steuerungsform, die durch Demokratisierung am meisten an Bedeutung gewinnt, ist Macht. Das mag überraschen, weil Macht mit Hierarchie in dieser Diskussion häufig gleichgesetzt wird. Wenn die Hierarchie an Bedeutung verliert, dann müssten sich doch, so die Vorstellung, auch die Machtprozesse reduzieren. Wir wissen aber schon aus Studien über demokratische Staaten, dass der umgekehrte Effekt eintritt. Durch die Einführung von Demokratie kommt es in einem Staat nicht zu einer Abnahme, sondern zu einer Zunahme von Machtspielen. Wer dafür eine Illustration braucht, sollte sich die zurzeit populäre Fernsehserie „House of Cards“ ansehen, in der eine nur leicht verzerrte Beschreibung von Machtspielen geboten wird.[2]


[1] Luc Boltanski, Ève Chiapello: Le nouvel esprit du capitalisme. Paris 1999.

[2] Siehe dazu S. Kühl: Wenn die Affen den Zoo regieren (wie Anm. 24), S. 94.

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