Der ganz
formale Wahnsinn

Gewalt – Über den überraschend geringen Grad von körperlichen Auseinandersetzungen in Organisationen

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Es ist auffällig, wie wenig körperliche Gewalt in Organisationen praktiziert wird. Es kommt in den meisten Unternehmen sehr selten vor, dass Kollegen eine Auseinandersetzung über die beste Marktstrategie für ein Unternehmen durch einen Faustkampf austragen. Es ist in Verwaltungen die seltene Ausnahme, dass eine Vorgesetzte ihre Mitarbeiter durch die Androhung von Hieben dazu bringt, ihre Anweisungen auszuführen. Und auch in Universitäten ist es inzwischen eher selten, dass Professoren ihre Studierende durch Schläge mit Rohrstöcken zu besseren Leistungen ermutigen.

Wenn es in Organisationen zur Gewalt kommt, stellt das in den meisten Fällen eine Krise dar. Körperliche Auseinandersetzungen über die richtige Marktstrategie zwischen Mitarbeitern führen in der Regel in der Organisation nicht nur zu hoher Aufmerksamkeit, sondern auch zu einem konsequenten Unterbinden durch Vorgesetzte. Eine regelmäßig prügelnde Vorgesetzte kann davon ausgehen, über kurz oder lang aus der Organisation entfernt zu werden. Professoren, die Gewalt als Mittel der Leistungssteigerung einsetzen, haben vermutlich gute Chancen, Erwähnung in den Massenmedien zu finden und sich nach anderen Tätigkeiten umzuschauen.

Für diesen geringen Grad der Gewaltanwendung in Organisationen gibt es einen Grund: die Verknüpfung der Mitgliedschaft der Beschäftigten an Bedingungen der Folgebereitschaft sowie die damit einhergehende Drohung der Trennung, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden. Solange eine Person Mitglied einer Organisation bleiben will, muss sie sich im „Rahmen der Regelordnung“ verhalten, die sie „mit seinem Beitritt akzeptiert hat“.[1] Deswegen müssen Organisationen nicht „mit Pistolen regiert“ werden, sondern mit „angedrohten Entlassungen“.[2]

Man sieht die Bedeutung dieses Merkmals bei der Betrachtung des Unterschieds zum System der Familie. Familien können nur sehr begrenzt über ihre Mitgliedschaft disponieren. Sie können Kinder nicht aus der Familie ausschließen, wenn diese sich nicht entsprechend der Ansprüche der Eltern verhalten.[3] Diese Schwierigkeit erklärt den proportional höheren Anteil an Gewaltanwendung in Familien im Vergleich zu Organisationen. Weil die Drohung der Kündigung in Familien ein sehr stumpfes Schwert zur Durchsetzung von Erwartungen ist, scheint Eltern manchmal nur eine körperliche Form der Verwirklichung ihrer Erwartungen in Form von Festhalten, Wegschieben oder – in Ausnahmesituationen – auch Schlagen übrig zu bleiben.

Einen Sonderfall stellen solche Organisationen in der modernen Gesellschaft dar, die Menschen zur Mitgliedschaft zwingen: Armeen, die sowohl ihren Wehrpflichtigen als auch ihren Berufssoldaten das Ausscheiden unter Androhung von Gefängnis oder gar Exekution verbieten; Milizen, die ihren Mitgliedern – von gelegentlichen Übungen abgesehen – zwar ein „normales“ Leben erlauben, diese dann aber im Notfall zwangsweise einziehen; Polizeieinheiten im Kriegseinsatz, in denen Polizisten die Möglichkeit genommen wird, ihren Job zu kündigen; Grenztruppen, die ihren Wachsoldaten nicht die Möglichkeit geben, diese Organisation zu verlassen; Unternehmen, die ihre Produktionsziele durch die Unterstützung von Zwangsarbeitern erreichen; Einrichtungen der sozialen Hilfe, die ihre Leistungen mit einem hohen Anteil von Zivildienstleistenden erbringen, die dort ihren Zwangsdienst ableisten; oder kriminelle Organisationen wie die Mafia, die ihre Mitglieder an dem Austritt aus der Organisation hindern.

In Zwangsorganisationen spielt Gewalt nach innen eine Rolle, die wir aus Organisationen normalerweise nicht mehr kennen. Es werden Pistolen bei auf Zwangsmitgliedschaft basierenden Armeen, Polizeien oder der Mafia nicht nur parat gehalten, weil diese Organisationen damit notfalls ihre Ziele gegenüber Nichtmitgliedern durchsetzen, sondern auch um ihre Mitglieder im Zweifelsfall am Austritt zu hindern. Dies gilt nicht nur für Organisationen wie der Armee, der Polizei oder der Mafia, die als Gewaltspezialisten nach außen auftreten, sondern auch für Unternehmen mit Zwangsarbeitern, Einrichtungen der sozialen Hilfe mit ihren Zivildienstleistenden oder Bautrupps, die auf Zwangsverpflichtete zurückgreifen, den Einsatz der Pistole dann aber häufig eher Gewaltspezialisten aus anderen Organisationen überlassen.

Die abnehmende Bedeutung der Zwangsmitgliedschaft in Organisationen hängt sicherlich damit zusammen, dass Gewalt als letztes Mittel zur Durchsetzung des Eintritts und des Verbleibs in Organisationen gesellschaftlich nahezu gänzlich an Legitimität verloren hat. Noch wichtiger ist aber, dass Organisationen mit der impliziten oder auch expliziten Androhung von Entlassung ein deutlich effizienteres Mittel zur Herstellung von Konformität zur Verfügung steht als die Anwendung von Gewalt.[4]


[1] Renate Mayntz: Soziologie der Organisation. Reinbek 1963, S. 106.

[2] Niklas Luhmann: Das Erziehungssystem der Gesellschaft. Frankfurt a.M. 2002, S. 56.

[3] Siehe dazu Hartmann Tyrell: Familienalltag und Familienumwelt: Überlegungen aus systemtheoretischer Perspektive. In: Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie 2 (1982), S. 167–188, 167ff.

[4] Siehe ausführlich dazu Stefan Kühl: Zwangsorganisationen. In: Maja Apelt, Veronika Tacke (Hrsg.): Handbuch Organisationstypen. Wiesbaden 2012, S. 345–358. Für eine empirische Anwendung des Konzepts siehe ders.: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust. Berlin 2014, 120ff.

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