Der ganz
formale Wahnsinn

Gruppen – Die Simulation der Effekte von Freundeskreisen

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In der modernen Gesellschaft existiert eine Vielzahl unterschiedlicher gruppenartiger Zusammenschlüsse: etwa in Form von Freundeskreisen, Cliquen pubertierender Jugendlicher, Straßengangs, kleinen terroristischen Zellen oder religiösen Gruppierungen. Bei der Betrachtung von Gruppen fällt auf, dass diese ein Gefühl von Zusammengehörigkeit entwickeln. Gruppen nehmen sich im alltäglichen Leben „bewusst als soziale Einheit wahr “ und grenzen sich so gegenüber ihrer Umwelt ab. Sie geben sich Namen, damit sie sich selbst mit einer Kurzformel identifizieren können und damit sie von anderen erkannt werden können, und sie nutzen Merkmale wie bestimmte Kleidung, Rituale oder Begrüßungssignale, um so ihre Grenzen zum „Rest der Welt“ zu markieren.[1]

Diese Ausbildung von Zusammengehörigkeitsgefühl setzt voraus, dass Gruppen – anders als beispielsweise Organisationen – aus einem bestimmten, unverwechselbaren Kreis von Personen bestehen. Zwar zerfällt eine Gruppe nicht automatisch, wenn Personen aus der Gruppe ausscheiden oder neue Personen zu dieser Gruppe hinzustoßen. Aber sowohl die Kompensationsfähigkeit von Personenverlusten als auch die Aufnahmefähigkeit von neuen Personen sind in Gruppen begrenzt.

Das Gefühl von Zusammengehörigkeit entsteht in Gruppen – und auch da unterscheiden sie sich von Organisationen – auf der Basis eher diffuser Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern. Während Organisationen wie Unternehmen, Verwaltungen oder Universitäten spezifische Rollenerwartungen an ihre Mitglieder stellen, bieten Gruppen Raum für vielfältigere Selbstdarstellungsmöglichkeiten. In Gruppen ist man nicht nur Schüler, Sportler oder Schläger, sondern letztlich ist fast alles, was eine Person betrifft, für Kommunikationen zugänglich.[2]

Gruppen, die sich in gruppendynamischen Trainings oder im Rahmen von Supervisionen und Coachings bilden, unterscheiden sich offensichtlich von Freundeskreisen, Schulhofcliquen pubertierender Jugendlicher oder Straßengangs. Teilnehmer an gruppendynamischen Trainings oder Gruppensupervisanden kommen aufgrund eines allen Teilnehmern offensichtlichen Zieles zusammen. Es gibt keine Notwendigkeit, dass sich Teilnehmer dieser Gruppen jenseits dieses Zieles treffen, und wenn das Ziel erreicht ist, muss man neue Motive generieren, um sich weiterhin zu treffen.

Aber in gruppendynamischen Trainings oder Gruppensupervisionen finden sich – und deswegen ist der Anschluss an die Forschung über Gruppen hier relevant – viele der Elemente wieder, die man auch aus Freundeskreisen, Schulhofcliquen oder Straßengangs kennt: Ausbildung von Zusammengehörigkeit, Bemerken des Fehlens von Gruppenmitgliedern, Ausbildung eigener Gruppennormen oder Schwierigkeiten der Gruppenmitglieder, Fragen über auch sehr persönliche Themen abzuweisen.

Man kann die Effekte in Gruppencoachings und Gruppensupervisionen, aber auch weitergehend der Gruppentherapien oder gruppendynamischen Trainings nur vor dem Hintergrund des Verschwindens von Gruppen als zentralem Ordnungsprinzip moderner Gesellschaften verstehen. In den vor 10 000 Jahren verbreiteten Stammesgesellschaften in Europa, Afrika, Asien und Amerika war die Gruppe das zentrale Ordnungsprinzip. Bis zum Aufkommen der Hochkulturen waren Personen in Gruppen von 10 bis 100 Personen organisiert, in denen sich alle Gruppenmitglieder kannten und sowohl den Eintritt als auch das Ausscheiden von Personen von allen bemerkt wurde.[3]

In der modernen Gesellschaft haben Gruppen jedoch ihre zentrale Bedeutung bei der Strukturierung der Gesellschaft verloren. Die moderne Gesellschaft wird viel stärker durch Organisationen geprägt. Wer weder in der Schule gewesen ist noch beim Militär gedient hat, keinen Job gefunden hat und keinem Verein angehört hat, dem fehlt offensichtlich etwas. Man kann seine Adoleszenzphase durchleben, ohne Mitglied einer Freundesclique zu sein, und man kann regelmäßig ins Fußballstadion gehen, ohne sich einer selbstorganisierten Gruppe von Hooligans anzuschließen. Eine Karriere in der Politik ist möglich, ohne dass man einer festen Clique von Parteigenossen angeschlossen ist. Als Vorstandsvorsitzender eines börsennotierten Unternehmens mag es förderlich sein, mit einer Clique anderer Vorstandsvorsitzender regelmäßig Berge zu erklimmen, aber eine Karriere hängt nicht von der Zugehörigkeit zu dieser Clique ab und wird vielleicht noch nicht einmal dadurch gefördert.

Erst vor dem Hintergrund dieses Bedeutungsverlustes der Gruppe für die moderne Gesellschaft lässt sich erklären, weswegen in Gruppensupervisionen oder Gruppencoachings, besonders aber auch in Gruppentherapien und gruppendynamischen Trainings überraschende Lerneffekte erzeugt werden können. Personen können sich in der modernen Gesellschaft Gruppenprozessen so leicht entziehen, dass die Dynamik in Gruppen, so die These, mit ihrer Diffusität der Beziehungen und mit der Ausbildung von Zusammengehörigkeitsgefühlen eine überraschende Erfahrung darstellt.[4]


[1] Niklas Luhmann: Spontane Ordnungsbildung. In: Fritz Morstein Marx (Hrsg.): Verwaltung. Berlin 1965, S. 163–183, hier S. 176.

[2] Siehe dazu Friedhelm Neidhardt: Das innere System sozialer Gruppen. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 31 (1979), S. 639–660, 641ff..

[3] Siehe Friedrich H. Tenbruck: Die moderne Gesellschaft. Freibug, Basel, Wien 1972, 56ff.

[4] Dieser Artikel basiert auf einem Ausschnitt aus meinem Lehrbuch .

Eine Antwort

  1. Ich knüpfe eine lose Sammlung von Anmerkungen an den Satz an „In der modernen Gesellschaft haben Gruppen jedoch ihre zentrale Bedeutung bei der Strukturierung der Gesellschaft verloren. Die moderne Gesellschaft wird viel stärker durch Organisationen geprägt. Wer weder in der Schule gewesen ist noch beim Militär gedient hat, keinen Job gefunden hat und keinem Verein angehört hat, dem fehlt offensichtlich etwas.“ Das von mir erlebte und wissenschaftlich beobachtete Verhältnis ist eher die Symbiose von Organisation und Gruppe. Umdeutung des o.a. Satzes als eine Empfindung der Menschen zeigt den Wert, den viele Menschen in einer Suche nach Gemeinschaft weniger gegenüber von Gesellschaft, sondern in der Gesellschaft der Organisationen sowohl außerhalb als auch innerhalb von Organisationen anstreben. Gruppenbildung, Ausdruck von Gemeinschaft, von Zusammengehörigkeitsgefühl und Teamgeist werden gesucht, um mehr als fremde Regeln für das Leben zu finden.
    Trainings mit dem Ziel den Esprit de Corps für eine Organisation entstehen zu lassen, haben erstens oft außer einer euphorische Begeisterung für ein Produkt zum Thema Führung oder modisch Agilität selten breite, dauerhafte oder nachhaltige Konsequenzen im Sinne des Auftrags. Der Alltag einer Organisation verändert sich nicht. Nur in der Schauseite findet sich neue, schön formulierte Propaganda. Veränderungen in Form von Gruppenbildung finden aber statt. Doppelprozesse von Inklusion, von Kameradschaft, Gemeinschaft, Wirgefühl erzeugen zugleich Exklusion. Sie finden manchmal entlang organisationaler Grenzen, mal gegen die Strichziehung dieser Grenzen statt. Es wird eine Konkurrenz um Anerkennung – ideell und materiell. Zugleich hat dieses Streben, sowohl wenn es eine verordnete oder eine persönlich intendierte Veranstaltung ist, häufig die Intention, organisierte Statusunterschiede zu vernebeln oder erträglicher zu machen. Der Herrschaftsaspekt der Organisation wird schöngefärbt und erträglich. Es entstehen „Freuden der Pflicht“. – Dazu : Bosetzky, Horst (1971): Die „kameradschaftliche Bürokratie“ und die Grenzen der wissenschaftlichen Untersuchung von Behörden. Bosetzky, H. 4 (1971). In: Die Verwaltung 4, S. 325–335.

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