Der ganz
formale Wahnsinn

Professionalität – Weswegen alle versuchen professionell zu sein

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Der Begriff der Professionalität wird häufig ganz selbstverständlich im Munde geführt. Eine Schauspielerin, die ihr Geld am Theater verdient, versteht sich als „professionelle Darstellerin“. Berater propagieren ihre Konzepte der „systemischen Professionalität“. Eine Führungskraft preist sich für das „professionelle Management“ einer Produktentwicklung. Für Prostituierte hat sich in ähnlicher Weise der Begriff der „Professionellen“ eingebürgert.

Das Aufmotzen von Professionalität zur Allerweltsvokabel verdeckt jedoch, dass mit dem alltagssprachlichen Verständnis des Begriffs zwei ganz unterschiedliche Sachen gemeint sein können. Bei einem engen Verständnis von Professionalität geht es um Qualitätssicherung durch Verordnung verbindlicher Handlungsstandards, einer Homogenisierung der Ausbildung und eine Restriktion der Zugänge zu einem Berufsfeld. In diesem Verständnis sind Professionen ein Mechanismus der Marktschließung, in denen die Profession selbst darüber entscheidet, wer als Anbieter auf dem Markt auftreten wird und wer aufgrund von fehlenden Standards vom Markt entfernt wird. Der Professionelle hat dabei nicht die Autonomie in der Bestimmung von Professionalität, sondern muss sich den durch eine Profession festgelegten Standards unterwerfen.

Demgegenüber geht es bei der Nutzung eines breiten Begriffsverständnisses um „Professionalität ohne Profession“, also um individuell definierte Formen von professionellem Handeln, bei der jeder in einem Feld Tätige nach Professionalität strebt, dabei aber möglichst wenig durch von Berufsverbänden verordneten und verbindlich gesetzten Handlungsstandards, Ausbildungsinhalten oder Zugangsrestriktionen betroffen sein will. Es gibt keine genau abgegrenzte und seine Zugänge regulierende Profession, sondern lediglich ein breiteres Verständnis von Professionalismus. Der Professionellel muss sich deswegen nicht den regulierenden Zwängen eines Kollektivorgans unterwerfen, sondern entwickelt auf freiwilliger Selbstverpflichtung basierende Vorstellungen von Professionalisierung.

Das Merkmal einer fehlenden Professionsbildung muss nicht mit dem Mangel an Professionalität bei den einzelnen Akteuren einhergehen. Es ist sehr wohl möglich, dass sich durch Professionalismus hervorragend arbeitende Experten ausbilden, ohne dass die Tätigkeitsfelder selbst als Professionen begriffen werden können. Es gibt sicherlich – im Selbst- und Fremdverständnis – sehr professionell arbeitende Manager, ohne dass das Management eine Profession darstellt. Auch bei Prostituierten mag es Leistungsanbieterinnen geben, die sich als sehr professionell verstehen und von ihren Klienten auch so wahrgenommen werden, ohne dass die Leistungsanbieter selbst als Profession organisiert sind. Es ist geradezu das Charakteristikum von fehlender Professionsbildung, dass Professionalität im Handeln postuliert wird, es aber an objektivierten Standards dafür fehlt, woran eine mögliche Professionalität festgemacht werden könnte (oder nicht).

Bei allem drohenden Begriffswirrwarr durch die unterschiedliche Verwendung von den sich zugegebenermaßen stark ähnelnden Ausdrücken wie Profession, Professionalismus, Professional, Professionsbildung oder Professionalisierung darf man einen zentralen Gedanken nicht aus den Augen zu verlieren: Bei einer breit gefassten Auffassung entsteht an sich kein Mechanismus der kollektiven Qualitätssicherung. Man mag sehr wohl Professionalität als Ziel formulieren und versuchen, andere von seinem individuellen Begriffsvermögen zu überzeugen. Aber letztlich intendiert das breite Verständnis von Professionalität, dass der Markt aus den unterschiedlichen professionellen Praxen die beste herausselektiert, oder hierarchisch vorgegeben wird, welche Vorgehensweise in einer Organisation gewünscht ist oder nicht.

Während man in jedem Tätigkeitsfeld davon ausgehen kann, dass nach Professionalität im Sinne des weiten Verständnisses gestrebt wird, ist für unseren Zweck die Frage interessanter, wovon es abhängt, ob sich in einem Tätigkeitsfeld Professionen im engeren Sinne ausbilden. In Anlehnung an den Soziologen David L. Torres lassen sich zwei zentrale Faktoren bestimmen, von der die Professionsbildung abhängt: Erstens der Komplexität des Wissensbestandes und zweitens der kritischen Relevanz des Wissensbestandes. Komplexität entsteht immer, wenn keine klaren Kausalverbindungen zwischen Ausgangslage und Soll-Zustand existieren, die Ausgangslagen sich teilweise dabei noch verändern und selbst die Ziele eines Vorhabens fluktuieren können. Die kritische Relevanz zeigt sich darin, wie stark sich ein Versagen auf die Gesellschaftsmitglieder auswirken. Auch wenn die moderne Gesellschaft eine hohe Zahl von frühzeitig Sterbenden verkraften kann, so gilt der Tod von Klienten aufgrund von (Be-)Handlungsfehlern des Leistungsanbietern als deutlicher Indiz für kritische Relevanz.

Wenn man es mit einer geringeren gesellschaftlichen Relevanz beim Versagen zu tun hat, werden die Qualitätsprobleme – wie zum Beispiel im Fall von Face-Stylisten – über den freien Markt gelöst. Eine hohe Komplexität des Wissens bei nur geringer Relevanz bei Versagen liegt häufig bei wissenschaftlichen Tätigkeiten vor. Die Gesellschaft kann durch Soziologen sicherlich nicht mit dem Instrumentarium für Trivialmaschinen erklärt werden, aber ob diese Erklärungen am Ende stimmen oder nicht, ist für die gesellschaftliche Praxis dann doch ziemlich irrelevant. Haben wir es sowohl mit einer hohen Komplexität als auch mit einer kritischen Relevanz von Wissensbeständen zu tun, bilden sich häufig Professionen aus.
„Hohe Komplexität“ und „kritische Relevanz“ liegt, so die Überlegung Ulrich Oevermanns, bei allen Tätigkeiten vor, die versuchen, „lebenspraktische Probleme“ von Personen mit „Hilfe wissenschaftlicher Erkenntnis- und Analysemittel“ zu lösen. Diese Probleme können, wie eine Analyse von Ärzten, Therapeuten und Geistlichen zeigt, aus der Perspektive der einzelnen Person mehr oder minder existenzkritisch sein. Es geht, so Niklas Luhmann, um das „Arbeiten an individuellen Personen“, die häufig hohen Risiken ausgesetzt sind – den „Risiken des nicht eindämmbaren Streites“, der „Gesundheit“, des „Seelenheils“ oder des „Lernens falscher Wahrheiten“. Die trost- oder heilsbedürftigen, die kranken oder streitenden Personen suchen nach Möglichkeiten, dass andere sich diesen Risiken annehmen und sie bei der Bearbeitung dieser Risiken unterstützen – quasi eine Art „stellvertretende Krisenbewältigung“.

Wegen der häufig existenzkritischen Problemlagen sind Ärzte, Therapeuten, Juristen oder Geistliche zum „raschen Entscheiden“ gezwungen, und zwar ganz unabhängig davon, ob das vorhandene Wissen eine ausreichende Sicherheit für dieses Handeln liefert. Während man sich in Berufen wie Makler, Werkzeugbauer, Steward oder Sekretär darauf verlassen kann, dass man alle entstehenden Probleme und Aufgaben mit einem vorher erlernten Standardrepertoire an Fertigkeiten und Fähigkeiten bewältigen kann, müssen einige Berufe auch für unerwartete Probleme und Aufgaben schnelle Umgangsformen finden. Der Mediziner kann sich gezwungen sehen, auch eine ihm bisher nicht bekannte Krankheit oder Verletzung zu behandeln und dafür eine gegenüber Kollegen zu rechtfertigende Vorgehensweise zu finden. Auch wenn bei einer Vielzahl von Rechtsfällen häufig nur der Sachstand ermittelt werden muss und sich daraus dann fast automatisch die Rechtsfolgen ergeben, gibt es doch immer wieder auch Situationen, in denen ein Jurist mit einem Rechtsproblem konfrontiert wird, für das es bisher keine Präzedenzfälle gibt.

Der Blick auf die Ärzte, Therapeuten, Juristen, Geistliche und Lehrer zeigt, dass es für eine Professionsbildung jedoch nicht ausreicht, dass sich Leistungserbringer stellvertretend an lebenspraktischen Problemen von Personen abarbeiten – das tun auch Architekten oder Makler, die versuchen, zukünftigen Hausbesitzern eine neue Heimat zu geben, oder Kosmetiker, die das häufig sehr relevante lebenspraktische Problem von Hässlichkeit zu reduzieren versuchen. Für eine Professionsbildung scheint vielmehr zentral zu sein, dass es gesellschaftlich anerkannt ist, dass eine tendenziell existenzbedrohende Problemlage von Personen vorliegt. Es fällt auf, dass sich in der modernen Gesellschaft Professionen in den gesellschaftlichen Felder (oder systemtheoretisch gesprochen: Funktionssystemen) ausgebildet haben, in denen solche existenziellen Problembezüge des Menschen anfallen: in der Religion, im Rechtswesen, in der Medizin und in der Erziehung. In anderen gesellschaftlichen Feldern wie der Wirtschaft, der Politik, den Massenmedien, dem Sport oder dem Tourismus bilden sich zwar auch vielfältige Berufe aus, es gibt in ihnen aber keinen „Leitberuf“, an dem sich alle anderen Tätigkeiten in diesem Feld orientieren.

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