Der ganz
formale Wahnsinn

Programme – Warum gute Fußballer selten auch gute Schiedsrichter sind

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Als der langjährige deutsche Nationalspieler Lothar Matthäus gefragt wurde, ob er sich vorstellen könnte, nach seiner Karriere als Fußballspieler Profischiedsrichter zu werden, offenbarte er mal wieder seine Fähigkeit, auch komplexere Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. „Schiedsrichter kommt für mich“, so Matthäus, „nicht in Frage, schon eher etwas, was mit Fußball zu hat.“

Ganz unrecht hat er nicht, gibt es doch viele Profifußballer, die nach ihrer aktiven Karriere Fußballtrainer, Vereinsmanager, WM-Organisator oder Fußballkommentatorin werden, aber keinen einzigen, der sich zum Schiedsrichter mausert. Wie kommt das? Liegt es lediglich daran, dass die 3000,- oder 4000,- Euro, die ein Profischiedsrichter pro Spiel erhält, ein Pappenstiel im Vergleich zu den Zinsen ist, die ein Fußballprofi auf seine Rücklagen enthält? 

Eine mögliche Antwort kann man bei James March und Herbert Simon finden – zwei Wissenschaftler, die eigentlich nicht im Verdacht standen, jemals einen Ball weiter als 10 Meter getreten zu haben. Die beiden Organisationsforscher haben für Unternehmen, Verwaltungen und Universitäten festgestellt, dass die dort tätigen Mitarbeiter durch ganz unterschiedliche Regeln geprägt sind. Die einen sind Spezialisten für Zweckprogramme – für die kreative Wahl von Mitteln, um ein angestrebtes Ziel zu erreichen –, während die anderen eher Experten für Konditionalprogramme sind und darauf spezialisiert sind, bestimmte Impulse zu identifizieren, mit denen sie dann auf ein genau festgelegtes Instrumentarium reagieren.[1]

Fußballer sind – ähnlich wie Basketballer, Handballer oder Baseballspieler – Spezialisten für eine kreative Wahl von Mitteln, um das sehr genau vorgegebene Ziel – Gewinn des Spiels – zu erreichen. Um die dafür notwendigen Tore zu erzielen, kann sich ein Spieler im Rahmen der Regeln vieles einfallen lassen: Er kann den Ball über einen Doppelpass ins Tor tragen, den Ball über den Torwart heben oder mit einem knallharten Direktschuss in die linke Ecke die Gegner überraschen. Mit hervorragender Technik, guter Kondition und taktischem Gespür kann man es zu einem sehr guten Spieler bringen, zur Weltklasse wird man aber erst, wenn man ein untrügliches Gespür für die richtige Wahl der Mittel hat.

Die Logik des Trainers oder Managers ist von der Logik des Fußballers nicht weit entfernt. Auch hier geht es um die kreative Wahl von Mitteln, um eine Fußballmannschaft zum Erfolg zu führen. Klar – der Trainer ist in den neunzig Minuten des Spiels zur körperlichen Passivität verdammt, aber vor, während und nach dem Spiel besteht die Arbeit des Trainers vorrangig darin, für das Ziel des Spielgewinns eine Vielzahl von entsprechenden Strategien zu entwickeln, zu erproben und in ihrer Anwendung zu perfektionieren. 

Aber Schiedsrichter ticken grundsätzlich anders – und das ist gut so. Eine Ausrichtung der Unparteiischen an der Logik des Fußballers oder Trainers hätte auch für das internationale Schiedsrichterwesen verheerende Auswirkungen. Wir brauchen uns nur vorzustellen, wenn ein Schiedsrichter das Ziel „möglichst reibungsloser und inspirierender Ablauf des Spieles“ vorgegeben bekäme und er seine Professionalität vorrangig darin sehen würde, seinerseits einfallsreiche Mittel zu finden, um das Ziel zu erreichen. Er würde der Gastmannschaft einen Elfmeter versagen, weil dies Unruhe in den Zuschauerrängen auslösen würde. Er könnte das Spiel vorzeitig abpfeifen, weil er das Ziel eines für alle befriedigenden Fußballmatches bereits nach 75 Minuten erfüllt sieht.[2]

Nein, Schiedsrichter sind perfektionierte Wenn-Dann-Maschinen: wenn Foul im Strafraum, dann Elfmeter; wenn Notbremse als letzte Frau oder letzter Mann, dann rote Karte. Die Aktivität eines Schiedsrichters besteht einzig und allein darin, im Laufe eines Spieles permanent nach Impulsen zu recherchieren, die laut Regelbuch eine Reaktion verlangen. Man darf die Schwierigkeit dieser Aufgabe nicht unterschätzen. Schiedsrichter ähneln an dieser Stelle Richtern, bei denen die Feststellung eines Tatbestandes ebenfalls eine komplizierte und wegen ihrer Komplexität häufig auch leicht kritisierbare Angelegenheit ist.

Man kann also nicht sagen, wer die schwierigeren Aufgaben hat – die Fußballprofis oder die Schiedsrichter. Aber Matthäus hat vollkommen Recht, wenn er darauf hinweist, dass die Funktionsweise eines Schiedsrichters ganz und gar nichts mit der Erfahrungswelt eines Fußballprofis zu tun hat.


[1] J. G. March, H. A. Simon: Organizations (wie Anm. 100), S. 141.

[2] Siehe zu Schiedsrichtern aufschlussreich Dietrich Zur Nedden, Michael Quasthoff: Pfeifen. Vom Wesen des Fußballschiedsrichters. Göttingen 2006.

Eine Antwort

  1. Sie erwähnen an einer Stelle Juristen auf dem Richterstuhl, die auch Konditionalprogrammen folgen. Die kämpfen allerdings immer wieder mit dem Problem, dass die „Impulse“, die es zu identifizieren gilt bei ihren Wenn-dann-Entscheidungen, komplexer, und die Regeln vielschichtiger sind als im Fußball. Sie müssen prüfen, ob ein Lebenssachverhalt, den sie nur vom Hörensagen kennen und der oft weit weg liegt von ihrer eigenen Lebenswirklichkeit, mit einem Gesetz übereinstimmt, das unscharf formuliert ist und zum Interpretieren einlädt. Die Unschärfen des Gesetzes gleichen sie dadurch aus, dass sie unscharfe Formulierungen im Gesetz durch detailliertere Aussagen ersetzen, die höhere Gerichte zu diesem Gesetz getroffen haben, obwohl eigentlich das Gesetz der anzulegende Maßstab ist und nicht die Aussagen höherer Gerichte. Den Lebenssachverhalt („Impuls“) lassen sie sich zur Not von „Impuls“-Experten analysieren (sog. Sachverständigen), weil sie selbst die Spielzüge und Techniken auf dem Spielfeld des Lebens nicht verstehen. Richter sind ja nur Juristen, keine Lebensprofis. Auch wenn es von Gesetzes wegen Aufgabe des Richters ist, sein Urteil mit dem eigenen Kopf (erlaubt ist auch der Bauch) zu fällen, ist es am Ende oft der Sachverständige, der insgeheim einen Fall entscheidet, weil der Richter nicht einmal die Methode kritisch beurteilen kann, mit der der Sachverständige zu seinem Urteil über den Sachverhalt, den „Impuls“, kommt, obwohl die Methodenanalyse durch den Richter zwingend vorgeschrieben ist. Aber die wissenschaftlichen Methoden, zu denen Sachverständige greifen, sind so vielfältig, vielschichtig und komplex, wie soll die alles im Blick haben als einer, der im Studium nur Wenn-dann-Mechanismen, sog. Subsumtionen gelernt hat? Man sieht, wie schwierig es sein kann, „Impulse“ zu identifizieren. In einem Fahrlässigkeitsprozess etwa geht es immer um die Frage, ob ein Angeklagter eine Sorgfaltspflicht verletzt hat, durch die ein Dritter zu Schaden gekommen ist. Reißt auf einer Baustelle einem Kranfahrer ein Seil, woher soll der Richter wissen, ob eine Sorgfaltspflichtverletzung zum Seilriss geführt hat, er hat ja noch nie auf einem Kran gesessen und von praktischen Dingen des Lebens eh keine Ahnung, denn schon der Vater war Richter und der Opa Anwalt und keiner in der Familie stand je auf einer Baustelle. Trotzdem entscheidet er am Ende, wie sich ein Kranfahrer zu verhalten hat. Im Gesetz steht über die Sorgfaltspflichten eines Kranfahrers übrigens rein gar nichts. Sogar im Fußball, wo die zu identifizierenden „Impulse“ überschaubarer sind, streitet man sich, wie ein Verhalten zu interpretieren ist. Nach Einführung des Videobeweises dachte man: Jetzt kann man alle „Impulse“ endlich eindeutig identifizieren und (wenn-dann) dann die richtige „Strafe“ anordnen. Doch streitet man sich auch seit wir einen Videobeweis haben immer wieder um den Sachverhalt. Was passiert wirklich auf dem Fußballplatz? Was geht da ab? Es gab auch nach Einführung des Videobeweises immer wieder Fehlentscheidungen, die Schiedsrichter später sogar einräumten. Schiedsrichter hatten einfach trotz Videobeweises den mit eigenem Auge gesehenen „Impuls“ nicht richtig verstanden und identifiziert. Daher forderte Lothar Matthäus einmal, den Video-Beweis-Schiedsrichtern Profifußballer an die Seite zu stellen, weil die die Lebensrealität auf dem Fußballplatz besser verstünden als der Schiedsrichter, der letztlich ein Theoretiker ist, der nie in der Haut eines Profifußballers steckte. Die Idee kam aber nicht gut an. Das Problem des Schiedsrichters ist also weiterhin, dass er die Fußballregeln besser kennt als das echte Leben auf dem Fußballplatz, das er mit den Regeln aber abgleichen muss. Vielleicht wäre ein Profifußballer, der von Zweckprogrammen auf Konditionalprogramme umschult, doch nicht so verkehrt. Wäre mal ein Versuch wert. Bleiben die 3000 bis 4000 Euro als Problem und dass dem Profifußballer die Erfahrung fehlt mit dem Erfüllen von Zweckprogrammen und die Distanz zum Fußballer, die fehlt auch. https://www.spox.com/de/sport/fussball/bundesliga/2204/News/lothar-matthaeus-forder-profi-unterstuetzung-beim-var.html

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