Der ganz
formale Wahnsinn

Systemisches – Gründe für eine Trivialisierung der Wissenschaft

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Es gehört zur Selbstverständlichkeit von sich als „systemisch“ verstehenden Beratern und Managern, sich auf die soziologische Systemtheorie Niklas Luhmanns zu berufen. Auf systemischen Fortbildungen werden regelmäßig Bilder von Bäumen ans Flipchart gemalt, auf dem die soziologische Systemtheorie als zentrale Wurzel des systemischen Managements und der systemischen Beratung dargestellt wird. Und fast jeder Text eines Systemikers ist mit Luhmann-Zitaten garniert, um die eigene Vorgehensweise wissenschaftlich zu begründen oder auch nur zu legitimieren.

Sicherlich – die Quellen, auf die sich Systemiker berufen, sind vielfältig; die von den Systemikern gezeichneten Bäume zeigen als Wurzeln zumeist auch noch Kommunikationstheorien à la Paul Watzlawick, die systemische Familientherapie von Mara Selvini Palazzoli, den Sozialkonstruktivismus besonders von Heinz von Foerster, die Psychoanalyse Sigmund Freuds oder naturwissenschaftliche Systemtheorien à la Humberto R. Maturana. Der Einfluss dieser Theorien auf die systemische Familientherapie und die Gruppendynamik waren gewiss beachtlich, aber weil diese Ansätze so gut wie nichts über Organisationen aussagen, stellt die soziologische Systemtheorie Niklas Luhmanns in der Regel die zentrale Referenz dar, wenn es um die Verwendung der Systemtheorie für die Beratung und das Management von Organisationen geht. Spätestens hier müssten die überzeugten Systemtheoretiker aber aufhorchen, gibt es doch erst einmal keinen Grund dafür, weswegen sich irgendjemand außerhalb der Wissenschaft für die soziologische Systemtheorie interessieren sollte.

Wenn man die Systemtheorie als wissenschaftliche Perspektive ernst nimmt, dann würde einen alles andere als die weitgehende Ignorierung der Systemtheorie außerhalb der Wissenschaft überraschen. Es ist ja gerade eine zentrale Einsicht der systemtheoretischen Analyse, dass die moderne Gesellschaft in operativ geschlossene Funktionssysteme differenziert ist, die jeweils nach ganz eigenen Logiken funktionieren. Überspitzt ausgedrückt: Eine Wissenschaftlerin interessiert sich erst einmal dafür, ob ihre Ideen in der Wissenschaft verfangen. Ob die eigenen Forschungen Effekte in der Wirtschaft, Politik oder in den Massenmedien haben, ist für sie bestenfalls zweitrangig. Ja radikaler noch – eine zu starke Präsenz der Wissenschaftler in Wirtschaft, Politik oder Massenmedien führt fast reflexartig in der Scientific Community zum Vorwurf der Scharlatanerie, weswegen Wissenschaftler sich sehr gut überlegen, ob sie in Tageszeitungen oder – schlimmer noch – in einer Praktikerzeitschrift veröffentlichen sollten. Woher kommt dann der fulminante Erfolg der Systemtheorie als Leittheorie für Berater und Manager?

Es gibt eine plausible Erklärung: Das, was im Moment als systemisches Management, als systemische Beratung oder als systemisches Coaching angeboten wird, ist – um es freundlich auszudrücken – mit der soziologischen Systemtheorie nur sehr lose gekoppelt. In vielen Fällen haben die Publikationen, die unter dem Label „systemisch“ den Anspruch erheben, systemtheoretisch informierte Handreichungen zu liefern, mit der systemtheoretischen Soziologie so viel zu tun wie ein James Bond Film mit der faktischen Arbeit von Geheimdiensten. Die für die systemische Beratung und das systemische Management vereinfachten systemtheoretischen Überlegungen wirken alle griffiger, eingängiger und praktischer als die für den wissenschaftlichen Diskurs geschriebenen systemtheoretischen Urtexte – jedoch um den Preis erheblicher inhaltlicher Verzerrungen.

Man mag als selbst in der wissenschaftlichen Theorie verankerter Purist darüber klagen, aber der Effekt ist bis zu einem gewissen Grade nicht zu verhindern. Die „Verwässerung“ wissenschaftlichen Wissens ist inzwischen nicht nur für soziologische Theorien als unvermeidlich nachgewiesen worden. Bei der Reinterpretation von wissenschaftlichem Wissen werden, so prägnant Ulrich Beck und Wolfgang Bonß, die Ergebnisse soziologischer Forschung ihrer „Soziologie“ entkleidet, denn die Wissensbestände, die im Wissenschaftsbetrieb produziert werden, unterliegen im Produktionsprozess nicht dem Kriterium der Anwendbarkeit und sind deswegen für die Praxis häufig „unpraktisch“. Das soziologische Wissen wird deswegen in der Praxis regelrecht umgearbeitet.[1]

Wer eine Illustration für die Trivialisierung benötigt, schaue sich nur die Internetvideos à la  „Systemtheorie ist wie eine Heizung“ an. Es sind die amüsanten Versuche von Praktikern, die Systemtheorie mit der Metapher der Heizung zu erklären. Mit Rückgriff auf die Urzeit der Kybernetik wird beschrieben, dass ein System aus einem Thermostat und einem Wasserkreislauf besteht, das sich nach Wunsch des Nutzers bei einer beliebigen Temperatur einsteuern ließe. Sicherlich ist dies ein Musterfall für die Trivialisierung wissenschaftlicher Erkenntnis, aber auch die Bezeichnung dieses Versuchs als „Tollerei“, „Leerformeln“ und „Realsatire“ zeigt letztlich nur die Ignoranz gegenüber der Unvermeidbarkeit von Trivialisierung von Wissenschaft in der Praxis.[2]

Das „Systemische“ ist inzwischen Opfer ihres eigenen Erfolges geworden. Inzwischen wird alles mit dem Begriff des „Systemischen“ geschmückt und mit Referenzen auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns ausgestattet. Es gibt „systemisches Gesundheitscoaching“, „systemische Supervision“, „systemisches Mentoring“, „systemische Burn-Out-Prophylaxe“, „systemisches In- und Outsourcing“, „systemische Schulpädagogik“, „systemisches Sozialmanagement“, „systemisches Innovationsmanagement“, „systemische Personalentwicklung“, „systemische Hundeerziehung“, „systemische Heimerziehung“ und „systemisches Führen mit Pferden“. Es scheint keine Expansionsgrenzen für das Adjektiv „systemisch“ mehr zu geben, die Durchsetzung der Substantivformen „Systemik“ oder „Systemiker“ sind nur noch eine Frage der Zeit. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass es bald das Verb „systemiken“ oder „systemisieren“ geben wird.

Man erkennt die Expansion in die Beliebigkeit an dem Vokabular, das sich inzwischen eingeschlichen hat. Es ist nicht mehr nur – in der Begrifflichkeit abgestimmt mit Niklas Luhmann – die Rede von „Sinndimensionen“, „Selbstreferenzen“ oder „Autopoiesis“, sondern auch von „Wertschätzung“, „Achtung“, „Haltung“ oder „Authentizität“. Es gehe – so der mit den Überlegungen von Niklas Luhmann nicht mehr abgestimmter Tenor – um die Ausbildung einer systemischen „Haltung“ gegenüber dem Klientensystem. Es komme darauf an, in der Beratung eine „Wertschätzung“ zu zeigen und allen mit „Achtung“ zu begegnen. Man müsse dabei „authentisch“ sein und mit sich übereinstimmend handeln und darin von anderen erkannt werden. Diese unter dem Label „systemisch“ verkauften Prinzipien mögen – je nach Geschmack – wegen ihrer Konsensfähigkeit als sympathisch oder wegen ihrer offensiven Proklamation als heuchlerisch erscheinen, mit der soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns haben sie nichts zu tun. Das grundlegende Problem ist, dass im Diskurs der Systemiker die Spannung zwischen Wissenschaft und Praxis weitgehend aufgegeben worden ist. Die „systemtheoretische Organisationstheorie“ wird inzwischen kurzerhand mit einer „systemischen Organisationstheorie“ gleichgesetzt. Die „systemtheoretische Wirtschaftssoziologie“ wird zur „systemischen Wirtschaftstheorie“ umdeklariert und die „Systemtheorie der Beratung“ wird mit der „Systemtheorie in der Beratung“ verschmolzen. Es hat eine gewisse Ironie, dass gerade der Beratungs- und Managementansatz, der sich auf eine Theorie beruft, die die Unterscheidung von Systemen stark macht, Wissenschaft und Praxis weitgehend fusioniert.


[1] Ulrich Beck, Wolfgang Bonß: Soziologie und Modernisierung Zur Ortsbestimmung der Verwendungsforschung. In: Soziale Welt 35 (1984), S. 381–406, 392ff.Eine ähnliche Debatte findet – unter anderen Vorzeichen –  zurzeit unter dem Stichwort „Relevanz“ versus wissenschaftlicher „Rigorisität“ in den Management Studies statt. Siehe nur beispielhaft Richard Whitley: The Scientific Status of Management Research as a Practically-oriented Social Science. In: Journal of Management Studies 21 (1984), 4, S. 369–390.;  Sara L. Rynes, Jean M. Bartunek, Richard L. Daft: Across the Great Divde. Knowledge Creation and Transfer Between Practioners and Academics. In: Academy of Management Journal 44 (2001), S. 340–355.; Debra J. Cohen: The Very Separate Worlds of Academic and Practitioner Publications in Human Resource Management. Reasons for the Divide and Concrete Solutions for Bridging the Gab. In: Academy of Management Journal 50 (2007), S. 1013–1019. und Jean M. Bartunek, Sara L. Rynes: Academics and Practitioners Are Alike and Unlike: The Paradoxes of Academic-Practitioner Relationships. In: Journal of Management 40 (2014), 5, S. 1181–1201.;  Alfred Kieser, Lars Leiner: Why the Rigour-Relevance Gap in Management Research Is Unbridgeable. In: Journal of Management Studies 46 (2009), 3, S. 516–533.

[2]  Siehe dazu die Kommentierung in der für die öffentliche Rezeption der Systemtheorie inzwischen wichtigen „Sozialtheoritischen“ http://sozialtheoristen.de/2009/03/08/systemtheorie-ist-wie-eine-heizung/).

6 Antworten

  1. Das ist ja schon irgendwie interessant.
    Mein berufliches Leben lang arbeit ich in der Sozialrabeit systemisch, seit ca. 1985… und ich gebe zu, auch ich ahbe am Anfang das Heizungsmodell als Erklärungsmetapher genuzt, seit dem Veränderungen 2. Ordnung stimmt dies Methaper wenige, da es bei Musternunterbrechungen um Verändreungen 2. Ordnung geht…und nich mehr oder weniger desselben (kälter/wärmer).
    Nun ist es ja sehr interssant, wie die Wissenschaft sich an die Praxis koppelt und umgekehrt… man könnte aber auch ganz konkret fragen wie die Soziologie und die Sozialarbeit (dies sind die Pioniere der Systemischen Arbeit und nicht die Psychologie!!!) sich vertragen und bereichern könnten… und genau das hat die systemische Systemtheroie versucht zu tun (darum ärgert mich auch sehr oft, dass sich psychologische Psychotherapien oder auch Organisationsberatungen systemisch nennen, nur aufgrund der Begrifflichkeiten von Haltungen und Wertschätzung etc.)
    Ich selbst bemühe mich sehr die Systemtheorie/Luhmann und ihre Regeln anzuwenden, um immer wieder eine Rückkoppelung zur Praxis zu bekommen, die letztendlich erlaubt, in die Black-Box des Menschen (Sozialarbeit) und der Gesellschaft (Soziologie) einen kleine Blick zu werfen.
    Herr Kühl, ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie diesen Diskurs erweitern würden und nicht als fertige Abgrenzung betrachten – gerade in der heutige Zeit finde ich die Koppelung zwischen Wissenschaft und Praxis wichtiger denn je.
    Bleiben Sie gesund!

  2. Ich frage mich das schon länger, was Systemik und Systemtheorie miteinander zu tun haben. Bisher habe ich nur eine Schnittfläche entdeckt: Systemiker und Systemtheoretiker denken beide gern in Unterscheidungen, oder Dualen, oder polaren Gegensätzen. Aber die Systemik tut es in ganzheitlicher Absicht: Letztlich geht es darum, „rund zu werden“, Verletzungen der Welt oder der Psyche, die durch Unterscheiden/Spalten/Abspalten entstanden sind, zu heilen. Die Systemtheorie tut es auf unheilbar spalterische Weise: Unterscheidungen graben sich immer tiefer in die Welt ein, es gibt kein Gegenmittel dagegen, und es ist auch kein Fehler, sondern die Art, wie die Welt von Sinnsystemen funktioniert.
    (Bateson ist übrigens einer, der in der zweiten Weise denkt, obwohl er ansonsten den Systemikern „gehört“.)

  3. Die Bedeutung einer wissenschaftlichen Theorie zeigt sich m.E. auch in ihrem Praxisbezug. Dass leider „systemisch“ zu einem Buzzword in der Management- bzw. Organisationsberatung geworden ist, lässt sich nur unterstreichen. Bei den meisten Anwendungen fehlt nicht nur der wissenschaftliche Bezug, sondern es zeigt sich dort ein gravierendes Unwissen – vom unwissenschaftlichen Vorgehen ganz abgesehen. Aber hier wird der für den Wissenschafts-Praxis-Bezug relevante Punkt deutlich: In der Praxis ist die Kenntnis und das Verständnis einer Theorie wichtig, um nützliche oder hilfreiche Anwendungen abzuleiten. Dabei geht es nicht mehr um Begriffshuberei oder -Verwischung. Vielmehr geht es um die substanzielle Kenntnis von Inhalt und Methodik. Eine verantwortungsvolle Praxis darf (und muss sich) von der wissenschaftlichen Vorgehensweise lösen, jedoch sollte dies nicht mit leichtfertigem oder inkompetentem (pseudo-wissenschaftlichem) Denken und Handeln einhergehen.

  4. „Inzwischen wird alles mit dem Begriff des „Systemischen“ geschmückt und mit Referenzen auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns ausgestattet.“

    Ich würde noch weiter gehen: Wer denkt bei „systemisch“ denn noch an Luhmann?

    Und da wären wir wieder hier: „Es ist ja gerade eine zentrale Einsicht der systemtheoretischen Analyse, dass die moderne Gesellschaft in operativ geschlossene Funktionssysteme differenziert ist, die jeweils nach ganz eigenen Logiken funktionieren.“

  5. Ich teile viele Argumente und arbeite seit längerem daran, die Grenze zwischen einer Systemik, die irgendwie auf Ganzheit abzielt, und einer systemtheoretischer Organisationsberatung zu „pflegen“ (d.h. Sorge tragen, dass die Grenze sichtbar bleibt). Statt jedoch irgendwelche Möchtegern-Wald-und-Wiesen-Systemredner zu kritisieren, wäre es doch angebrachter aufzuzeigen, was BeraterInnen mit Luhmanns Theorie anders beobachten und auch wie sie anders praktisch arbeiten könnten … Hier, lieber Stefan, wäre ich neugierig!

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