Der ganz
formale Wahnsinn

Wissenschaftsgläubigkeit – Weswegen Managementmoden mindestens einen Hauch von Wissenschaftlichkeit zu brauchen scheinen

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Managementkonzepte werden nicht selten mit ausführlichen Wissenschaftsreferenzen geadelt. Es wird herausgestellt, dass die Erfinder einer Managementmodemode an einer renommierten Hochschule beheimatet sind, dass das propagierte Konzept auf systematischen empirischen Studien basiere und die Entwicklung durch die Einsichten großer theoretischer Denker inspiriert wurde.[1]

In ihrer extremsten Variante wird gleich verkündet, dass ein Managementkonzept auf einer „neuen Wissenschaft“ basiere, in welcher die „unsichtbare Dimension der sozialen Prozesse“ erhellt werde, mit der es „jeder von uns im täglichen Leben“ zu tun habe. Deswegen dürfe Wissenschaft nicht im Elfenbeinturm verharren, sondern müsse durch den „Willen zur Weisheit“ geleitet werden. Man müsse, so die Forderung, eine neue „Synthese zwischen Wissenschaft, sozialer Evolution und dem Werden des Selbst“ erreichen. Die „heutige Wissenschaftstransformation“ – so der häufig zu findende historische Vergleich bei den regelmäßig verkündeten Paradigmenwechseln im Management – sei „nicht weniger revolutionär als seinerzeit die von Galileo Galilei“. Und auch – so die vorauseilende Immunisierung gegen Kritik – werde der Widerstand der „amtierenden Wissens- und Würdenträger“ „nicht weniger erbittert sein“ als der, auf „den Galilei seinerzeit stieß“.[2]

Als systemtheoretischer Beobachter ist man angesichts dieser Wissenschaftsfixiertheit irritiert, müsste man doch davon ausgehen, dass eine wissenschaftliche Legitimation für ein Managementkonzept nicht nötig sei. Die Relevanz für die Begründung eines Managementkonzeptes müsste, so würde man vermuten, vielmehr in der Besonderheit liegen, dass deren Promotoren auf die Zweckdienlichkeit und Praktikabilität der Lösungen verweisen, welche die Managementkonzepte für grundlegende Probleme in Organisationen liefern. Letztlich müsste doch bei der Verankerung von Managementmoden in Organisationen nur die Frage interessieren, ob diese nützlich seien oder nicht.[3]

Dagegen steht in der Wissenschaft ausschließlich die Frage im Mittelpunkt, ob eine Erkenntnis wahr oder falsch ist. Wissenschaftler adressieren deswegen mit ihren Forschungen – jedenfalls in ausdifferenzierten Wissenschaften – andere Wissenschaftler. Die Frage, ob eine wissenschaftliche Erkenntnis auch außerhalb der Wissenschaft nützt, ist bestenfalls zweitrangig.

Ein Grund für die Wissenschaftsfixiertheit bei vielen Managementmoden könnte, so die Vermutung von Andrzej Huczynski, in der Statusangst von Managern und Beratern liegen. Während die Ausbildung von etablierten Professionen wie Medizinern, Juristen oder Theologen wissenschaftlich fundiert sei und zum überwiegenden Teil an Universitäten stattfände, hätte die Ausbildung von Managern und Beratern nicht das gleiche wissenschaftliche Fundament und würde auch nicht an Universitäten stattfinden. Diese wahrgenommene Statusdifferenz zu etablierten Professionen könnte dazu führen, dass Manager und Berater gegenüber wissenschaftlichen Begründungen von Managementmoden besonders empfänglich seien.[4]

Um bei der Entwicklung von Managementmoden eine Wissenschaftssuggestion herzustellen, ist die Einlassung auf wissenschaftliche Standards aber paradoxerweise nicht von Wichtigkeit. Die großen theoretischen Denker, die als Inspiration für eine Managementmode präsentiert werden, werden nicht ausführlich dargestellt oder gar seitengenau zitiert, sondern eher beiläufig zur wissenschaftlichen Legitimation der Managementmode angeführt, sodass es faktisch unmöglich ist, die Herkunft eines Gedankens nachvollziehen zu können.[5] Bei der Darstellung der Managementmoden ist die methodische Vorgehensweise und die Auswahl der untersuchten Fälle so oberflächlich, dass sie für wissenschaftlich interessierte Leser kaum nachvollziehbar sind.[6] Das Wissenschaftler hier höhere Standards einfordern, ist nachvollziehbar. Sie würden damit aber grundlegend verkennen, welche Funktionen die Wissenschaftssuggestionen bei der Verkündigung und Verbreitung von Managementmoden haben.


[1] Siehe dazu A. Kieser: Rhetoric and Myth in Management Fashion (wie Anm. 321), S. 58.

[2] Beispielhaft für diese Wissenschaftsgläubigkeit bei Managementmoden soll hier auf die Theorie U verwiesen werden, die nach der Jahrhundertwende besonders in Organisationen der sozialen Hilfe eine Zeit lang auf Interesse gestoßen ist. Siehe C. O. Scharmer: Theorie U (wie Anm. 129), 38f.

[3] Alexander T. Nicolai, Fritz B. Simon: Kritik der Mode, Managementmoden zu kritisieren. In: Hans A. Wüthrich, Wolfgang B. Winter, Andreas F. Philipp (Hrsg.): Grenzen ökonomischen Denkens. Auf den Spuren einer dominanten Logik. Wiesbaden 2001, S. 499–524, hier S. 503.

[4] Andrzej Huczynski: Management Gurus. What Makes Them and How to Become One. London 2006.

[5] Manchmal werden sie auch gänzlich falsch zitiert. Siehe nur als Beispiel die Ableitung des Konzepts der Agilität aus dem Agil-Schema von Talcott Parsons, dazu  Stefan Kühl: Wie Praktiker das Wort „agil“ missverstehen. Die überraschende Renaissance eines verstaubten soziologischen Konzepts. In: Zeitschrift für Organisation (2020), 2, S. 92–95.

[6] Das Musterbeispiel für Wissenschaftsanmutungen bei der Produktion von Managementmoden ist immer noch immer noch Thomas J. Peters, Robert H. Waterman: In Search of Excellence. New York 1982.

2 Antworten

  1. Das Problem bei Managementmethoden ist die fehlende direkte Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Ist die intendierte Steigerung der Produktivität nun auf die Intervention zurückzuführen oder ist sie vielleicht „trotz“ der Intervention eingetreten? Darüber wird es nie eine Antwort geben. Die Nützlichkeit von Interventionen oder Managementkonzepten kann also nicht überprüft werden. Nicht ex post und erst recht nicht im Vorhinein. Demnach brauchen wir andere Anhaltspunkte, um die Nützlichkeit zu beurteilen. Bei mir verfängt zum Beispiel das gelegentliche Einstreuen von Bezügen zu „Kühl…“, „Simon“, „Nagel“ oder „Wimmer“ – dadurch kann meine anfängliche Skepsis signifikant gesenkt werden.

  2. Ein weiteres Problem ist die assymetrische Beziehung zwischen Anbietern und Management. Den Führungskräften fehlt das Wissen, um angebotene Methoden beurteilen zu können. Zugleich gibt es viele Moden und (Jung)berater:innen ohne Praxiserfahrung. Die daraus resultierende Unsicherheit verlangt nach Qualitätssiegeln. „Wissenschaftlich belegt“ ist das ultimative Siegel, denn das suggeriert die Einhaltung von Standards und überprüfte Wirksamkeit.

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