Der ganz
formale Wahnsinn

Zahlen – Zur Eindämmung mikropolitischer Kämpfe durch Quantifizierung

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In Organisationen gibt es die wachsende Hoffnung, dass sie sich über Kennzahlen steuern lassen. Die Vorstellung ist, dass die Richtwerte zwar nicht dazu dienen können, relevante Indikatoren zu erheben und darauf aufbauend Entscheidungen zu treffen, die Orientierung an Kennzahlen dafür aber eine stärkere Selbststeuerung einzelner Einheiten ermöglichen kann. Statt einer „Government by Rules“, so die Maxime, soll in Organisationen also zunehmend eine „Governance by Numbers“ herrschen.[1]

Die Steuerungsvorstellung basiert darauf, dass sich fast alle Prozesse in und zwischen Organisationen irgendwie in Zahlen ausdrücken: die Anzahl der Krankheitstage aller Mitglieder, der Anstieg der Produktivität in den letzten Monaten, die Prozentzahl von Personen, die Zugang zu einer Gesundheitsversorgung haben, die Kilometer, deren Bau ein Ministerium in einem Jahr finanziert, die Absolventenzahlen nach Einführung eines Bildungsprogramms oder die Prozentzahl des Wassers, das durch lecke Rohre eines Wasserunternehmens versickert.[2]

Zahlen verfügen über drei Merkmale, die sie für Organisationen besonders interessant machen. In der Form von Kennziffern sind Informationen besonders leicht transportierbar. Weil es sich um verdichtete Zahlen handelt, können sie beispielsweise zwischen Profitcentern und Zentrale, Zulieferern und Kunden, Unternehmen und Steuerbehörden sowie zwischen Gebern und Nehmern von Entwicklungshilfe hin- und hergeschoben werden. Wenn die Informationen nun in Form von Zahlen aufbereitet sind, lassen sich diese, gerade auch im Vergleich zu verbalen Informationen, relativ leicht kombinieren. Der Deckungsbeitrag von zwanzig lokalen Energieversorgern kann beispielsweise zu einem einheitlichen Deckungsbeitrag des nationalen Energieversorgers aggregiert werden. Schließlich besteht ein weiteres Charakteristikum von Zahlen noch darin, dass sie ohne große Schwierigkeiten vergleichbar sind. Der Deckungsbeitrag von 150% in der einen Wasserbehörde kann mit dem Deckungsbeitrag von 70% bei einer anderen Behördeneinheit verglichen werden. Oder der Deckungsbeitrag in Höhe von 50% im Jahr 2000 lässt sich mit einer doppelt so hohen Zahlung im Jahr 2010 vergleichen. Während bei qualitativen Informationen regelmäßig der Vorwurf gemacht wird, dass Äpfel und Birnen nebeneinandergehalten werden, sind die Vergleiche mit der gleichen ökonomischen Kennziffer in der Regel nicht diesem Verdacht ausgesetzt. (-) Benchmarking -) Ranking)

Zahlen erscheinen auf den ersten Blick als neutral, unabhängig und objektiv und signalisieren so, dass es kaum Interpretationsspielraum gibt. Eine Zahlenangabe, so wenigstens die erste Suggestion, repräsentiert in einem westeuropäischen Land das gleiche wie in einem Land in Subsahara-Afrika. Eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung funktioniere, so die Annahme, in einem US-amerikanischen Unternehmen genauso wie bei seinem philippinischen Kooperationspartner und ist von regionalen oder kulturellen Besonderheiten unabhängig. Zahlen machen für Organisationen den Eindruck einer weltweiten „Lingua Franca“, auf die sich alle verständigen können. [3]

Klar ist, dass es auch bei dieser „Lingua Franca“ Dialekte geben kann. Bei Dialekten handelt es sich im Verständnis der Linguistik um Varietäten einer Sprache. Sprachen und ihre Dialekte sind dabei von ihrer Grundstruktur eng gekoppelt, sodass sich der Sprecher einer Hochsprache sowie die Sprecher eines Dialektes miteinander verständigen können. Für Zahlen als „Lingua Franca“ bedeutet dies, dass zwar im Rahmen eines weltweiten Standards unterschiedliche Berechnungsformen existieren, die konkurrierenden Formate aber verstanden werden – denn am Ende kann man sich trotz allerlei Sprachvariationen darauf verständigen, welche Zahlen gelten.

In der Auffassung des finanziellen Realismus wird davon ausgegangen, dass die Orientierung an ökonomischen Kennziffern Machtkämpfe in Organisationen reduzieren können. Eine Investitionsrechnung könne eine von politischen Interessen „gereinigte“ Einschätzung einer geplanten Großanschaffung ermöglichen und so die mikropolitischen Spiele reduzieren. Verrechnungspreise zwischen den einzelnen Profitcentern eines Unternehmens könnten sicherstellen, dass gleichermaßen mögliche als auch fest in Planung stehende Kooperationen durch „Marktprozesse“ objektiviert werden und machtpolitische Interessen dementsprechend an Einfluss verlieren. Ökonomische Kennziffern naturalisieren, so die Auffassung, politische Beziehungen.

Inzwischen wissen wir aus wissenschaftlichen Forschungen aber, dass es mit der Objektivität der Zahlen in Organisationen nicht weit her ist. Unternehmen können ihre Gewinne und Verluste kurzfristig nämlich so „zurechtrechnen“, dass die vorher geweckten Kapitalmarkterwartungen punktgenau erfüllt werden. Deckungsbeiträge können durch Verschiebungen zwischen Investitions- und Betriebskosten so zur Schau gestellt werden, wie die Zentrale sie erwartet. Benutzerzahlen können so manipuliert werden, dass die Wachstumskurven beeindruckend wirken.

Würde man anfangen, die Zahlen zu dekonstruieren, würde die Eskalation mikropolitischer Kämpfe drohen. Bereits existierende Interessenskonflikte würden noch verschärft werden, weil nunmehr auch die Unterstellung mitschwingen würde, dass die andere Seite die Zahlen fingiert hätte. Die Orientierung an Kennzahlen kann also die mikropolitischen Prozesse, die sie eigentlich reduzieren sollen, ebenso verlängern und verkomplizieren.

Aber gerade weil man sich der mikropolitischen Sprengkraft von Kennzahlen fügt, findet deren Dekonstruktion in der Regel nicht statt. Die Berichte von den Zahlenwerken werden, so der Ethnologe Richard Rottenburg, bei ihren „Wanderungen durch die Abteilungen und Hierarchien“ immer dünner. Die Informationen werden nach vorgegebenen Transformationsregeln in immer neue Formen umgewandelt und dadurch kontinuierlich weiter reduziert. Dadurch stehen am Ende des Prozesses nur noch einige wenige kondensierte Kennzahlen auf dem Papier, die von ihren Entstehungs- und Kontextbedingungen weitgehend entkleidet sind und so die eigentliche Notwendigkeit für vertiefte Kenntnisse sozialer Situationen obsolet machen.

Die in den jeweiligen Verhandlungssituationen noch offensichtlichen konflikthaften Konstruktionsbedingungen verschwinden auf diese Weise in den internen Abstimmungsprozessen. Die komplexe organisatorische Realität wird auf eine Zahl wie „Deckungsbeitrag von 105%“, „Personalkostenanteil 28%“ oder „Return on Investment von 8%“ reduziert. Je allgemeingültiger diese Kennzahlen sind, desto weniger könnte die „Vielfalt“, „Komplexität“ und „Partikularität“ einer „ortsgebundenen Wirklichkeit“ berücksichtigt werden.[4] Die Konstruktionsformen der Kennzahlen können in dem immer weiter fortschreitenden Prozessionsprozessen nur noch mit größter Mühe aufgeschnürt werden und erhalten so ein hohes Maß an Plausibilität.

Aus dieser Plausibilisierung beim Prozessieren innerhalb einer Organisation kann auch erklärt werden, weswegen sich Kennziffern so gut für Einigungsfiktionen eignen. Auch wenn den unmittelbar an den Verhandlungen Beteiligten klar ist, dass es keine Übereinstimmung über die Details der Bestimmung einer Kennziffer gibt, so können sie durchaus davon ausgehen, dass die eigene Organisation bei der Behandlung der Einigung von diesen Details sehr wohl abstrahieren wird.


[1] Zu dieser Umstellung siehe Alain Supiot: La gouvernance par les nombres. Paris 2015, 38ff.

[2] Siehe dazu auch Cathy O’Neil: Weapons of Math Destruction. How Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy. New York 2016.

[3] Theodore M. Porter: Trust in Numbers. The Pursuit of Objectivity in Science and Public Life. Princeton 1995, x.

[4] Richard Rottenburg: Weit hergeholte Fakten. Eine Parabel der Entwicklungshilfe. Stuttgart 2002, 223 und 229f.

2 Antworten

  1. hmm, o.k. Das mag schon richtig sein, was aber folgt daraus? Daß wir keine Kennzahlen mehr benutzen sollten, oder daß wir mehr Zeit in die Diskussion der Entstehung der Zahlen stecken sollten oder noch eetwas ganz anderes?

  2. Die Beschreibung des Nutzens von Zahlen zu Beginn des Artikels fand ich eine sehr eingängige und hilfreiche Reflexion ihres Nutzens – übrigens nicht nur in Unternehmen und Organisationen. Weniger schlüssig fand ich die Ausführungen dazu, dass sie nun doch nicht zum Einhegen mikropolitischer Auseinandersetzungen geeignet sein, sondern diese eher befördern sollen. Und zwar deswegen, weil ihre Produktion Freiheitsgraden unterliegt, über die dann wieder mikropolitisch gerangelt werden kann. Ich kann und will nicht bezweifeln, dass Letzteres auch tatsächlich passiert, halte es aber eher für die Ausnahme. Schon alleine deshalb, weil alle Beteiligten wissen, dass es ihnen auf Dauer nicht weiter hilft, als halbwegs objektive faktische Grundlagen anerkannte Zahlen immer wieder in Frage zu stellen. Es beschädigt auf Dauer ihre eigene Handlungsfähigkeit und hilft ihnen allenfalls kurzfristig. So würde ich behaupten – und das wäre dann auch wieder nur durch empirisch ermittelte Zahlen zu klären -, dass in den allermeisten Fällen Zahlen durchaus zur Eindämmung mikropolitischer Auseinandersetzungen geeignet sind.

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