Der ganz
formale Wahnsinn

Zeitdiagnosen – Zur Dramatisierung gesellschaftlicher Veränderungen

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Ein allgemeiner Trend zum Neuem ist nicht zu übersehen. Im monatlichen Rhythmus werden neue technische Epochen, innovative Organisationsformen oder gleich neuartige Gesellschaftsformationen ausgerufen. Berater versuchen so ihre Angebote zu vermarkten, Wissenschaftler geben ihren Forschungen darüber eine massenmediale Bedeutung und Politiker versuchen, über Zeitdiagnosen ihre Themen zu setzen.

In der Vergangenheit wurden Zeitdiagnosen noch so formuliert, dass man genau wusste, worum es ging. Es war die Rede von der „Industriegesellschaft“, der „Dienstleistungsgesellschaft“ oder der „Erlebnisgesellschaft“; verkündet wurde der Trend zur „Matrix Organisation“, zum „Lean Management“ oder zum „Business Process Reengineering“. Aber schon an der Popularität der Vorsilbe „post“ in der Bezeichnung manches neuen Trends konnte man erkennen, dass sich Zeitdiagnostiker immer weniger trauen, ihre Analysen mit einem präzisen Begriff zu bezeichnen. Begriffe wie postindustrielle Gesellschaft, postfordistisches Unternehmen oder postbürokratische Organisationen suggerieren zwar eine grundlegende Veränderung, lassen aber offen, was sich genau verändert. Und es hat eine gewisse ungewollte Ironie, wenn inzwischen wissenschaftliche Konferenzen veranstaltet werden, auf denen danach gefragt wird, was nach der postbürokratischen Organisation oder nach dem postfordistischen Unternehmen komme.[1]

Die aktuelle Entwicklung – gewissermaßen der Meta-Trend in der Trendforschung – ist, Zeitdiagnosen nur noch in Versionsnummern auszurufen. Die Rede ist vom Web 2.0, in dem die Zusammenarbeit der Nutzer immer wichtiger werde, es wird die Förderbank 2.0 verkündet oder von Gründungsinitiativen 3.0 gesprochen. Ebenso wird die Industrie 4.0 ausgerufen, in der die zunehmende informationstechnische Vernetzung zwischen Unternehmen wichtiger werde, oder es wird unter dem Label Arbeit 4.0 bekannt gemacht, dass sich in der Arbeitswelt sehr viel ändere. Angesichts dieser in überraschend vielen Fällen von Ministerien finanzierten und propagierten Zeitdiagnosen wartet man förmlich darauf, dass eine Regierung – unterstützt durch Berater, Trendforscher und Wissenschaftler – demnächst verkündet, dass wir in einigen Monaten in der Gesellschaft 5.0 leben werden.

Aber letztlich ist es bei den in Versionen verpackten Zeitdiagnosen wie bei Softwareprogrammen, von denen man das Denken in Versionen übernommen hat: Genauso wie man sich manchmal fragt, was sich zwischen Windows 8.0 und Windows 10.0 oder Citavi 4.0 und Citavi 5.0 verändert hat, fragt man sich auch bei den Zeitdiagnosen, warum Veränderungen jetzt gleich das Ausrufen einer ganz neuen Version rechtfertigen und ob man sich nicht beispielsweise mit einer weniger ambitionierten Versionsbenennung wie Industrie 2.2 oder Arbeit 3.7.9 zufriedengeben könnte.

Zugegeben – man erkennt eine gewisse Mühe, die jeweils aktuell gehandelte Variante plausibel erscheinen zu lassen. Die Wirtschaft 1.0 habe in der Industriegesellschaft stattgefunden, in der sich durch die Einführung von Dampfmaschinen und mechanischen Produktionsanlagen die Arbeitsbedingungen verändert hätten, Wirtschaft 2.0 sei dann durch die Massenproduktion und den Wohlfahrtsstaat geprägt gewesen. Wirtschaft 3.0 – und hier erkennt man, wie verzweifelt man weitere Versionen suchte – sei durch die Konsolidierung des Sozialstaates und die spätere Zurücknahme des Sozialstaates geprägt gewesen. Wirtschaft 4.0 werde jetzt – so die dominierende Zeitdiagnose – vernetzter, digitaler und flexibler. Aber sind die beobachteten Trends wirklich so neu?

Ein Kernbestandteil der neuen Wirtschaft sei, so die Behauptung, die digitale Vernetzung zwischen Unternehmen. Es herrscht die Vorstellung von hochautomatisierten, vernetzten Produktions- und Logistikketten, die die Arbeit erheblich verändern. Sicherlich ist dies als Beobachtung nicht falsch, aber letztlich gibt es diese Zeitdiagnose unter dem Begriff der systemischen Rationalisierung seit mehreren Jahrzehnten. Es gehe, so die damalige Beobachtung, nicht mehr nur um die Leistungssteigerung an den Einzelarbeitsplätzen, sondern neue Informations- und Kommunikationstechnologien würden es ermöglichen, die Wertschöpfungsprozesse zwischen Betrieben zu automatisieren und zu rationalisieren.[2] Die Speicherleistungen  mögen größer, die Sensoren präziser, die Übertragungsgeschwindigkeiten höher werden, eine grundlegende Veränderung der Rationalisierungslogik hat jedoch nicht stattgefunden.

Ein weiterer Effekt der Digitalisierung sei, so die Beobachtung, eine Spaltung des Arbeitsmarkts. Weil aufgrund des „digitalen Wandels“ zunehmend auch „digital literacy“ gefragt sei, komme es, so jedenfalls die aktuelle Zeitdiagnose, zu einer „Dualisierung des Arbeitsmarktes“. Am unteren Rand habe sich ein Bereich von unsicheren und prekären Beschäftigungsverhältnissen ausgebildet. Es würde sich zwar weiterhin ein Großteil der Arbeitnehmer in Normalarbeitsverhältnissen befinden, gleichzeitig seien aber immer mehr Personen in atypischen, häufig prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Eine solche Dualisierung des Arbeitsmarktes mag auffallen, wenn man als Vergleich die sehr kurzen Phasen der Vollbeschäftigung in der alten Bundesrepublik heranzieht. Über eine längere Zeitachse beobachtet ist die Dualisierung des Arbeitsmarktes allerdings der kapitalistische Normalfall. Die am Existenzminimum lebenden „Solo-Selbstständigen“ und „Klick-Worker“ hießen früher bloß „Tagelöhner“, statt von einem „Prekariat“ wurde von einem „Lumpenproletariat“ gesprochen und als Beispiele dienen heute selbstständige Paketausfahrer, Webdesigner, Schauspieler, Taxifahrer sowie Tankstellenpächter und nicht mehr wie noch bei Karl Marx Lastenträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer und Kesselflicker.[3]

Jetzt kann man sicherlich nicht so tun, als würde sich nichts verändern. Der Kapitalismus – ein Wort, das in den meisten Zeitdiagnosen zur Digitalisierung sorgsam vermieden wird – befindet sich durch die Dynamik der Produkt-, Kapital- und Arbeitsmärkte in einem permanenten Veränderungsprozess. Zweifelhaft ist jedoch, ob es die konstatierten Epochenbrüche gibt, die es erlauben würden, von verschiedenen, grundlegend veränderten Versionen von Industrien, Dienstleistungen oder Arbeit zu sprechen.

Angesichts der Aneinanderreihung von Schlagwörtern wie „Solo-Selbständige“, „Mobiles Arbeiten“, „kleine Vollzeit“, „Rushhour des Lebens“, „Dienstleistung on demand“ oder  „Crowdworking“ wird gern übersehen, dass die Grundproblematik seit der Ausbildung des Kapitalismus die gleiche geblieben ist: Wenn ein Unternehmen Personal auf einem Arbeitsmarkt einkauft, garantiert das noch lange nicht, dass diese Arbeitskraft dann auch im Sinne des Unternehmens tätig wird. Das Unternehmen sucht deswegen permanent nach möglichst weitgehenden Zugriffen auf diese Arbeitskraft.[4]

Auch dies ist schon Karl Marx aufgefallen. In der marxistischen Terminologie heißt es, dass der Einkauf von Arbeitskraft durch den Kapitalisten nicht gleichbedeutend mit der realen Nutzung der Arbeitskraft durch das Kapital sei und die Fantasie des Kapitalisten sich darauf richte, wie er dieses „Transformationsproblem“ lösen kann.[5] In der Systemtheorie wird das Transformationsproblem mit der grundlegend zu unterscheidenden Differenz zwischen Mitgliedschafts- und Leistungsmotivation von Organisationsmitgliedern bezeichnet.[6] In einer für Manager akzeptableren Formulierung wird das genau gleiche Problem – in der Regel ohne Referenz auf die marxistischen und systemtheoretischen Entdecker des Phänomens – durch die Prinzipal-Agent-Theorie beschrieben. Die Agenten, in diesem Fall die Arbeiter, werden eingekauft, um bestimmte Leistungen für einen Prinzipal, den Unternehmer, zu erbringen, und tendieren aus eigener Nutzenorientierung dazu, die Entlohnung durch den Prinzipal mit einer möglichst geringen Leistungserbringung zu erreichen. Der Prinzipal sucht deswegen mit der Unterstützung von Beratern und Wissenschaftlern nach Lösungen, um die Leistungszurückhaltung zu verhindern. [7]

Allem Schauseitenmanagement von gehypten Vorzeigeunternehmen zum Trotz hat sich an diesem Transformationsproblem grundlegend nichts verändert, lediglich die Akzentuierungen sind andere geworden. Auf der einen Seite versucht das Management, möglichst viel der pauschal eingekauften Arbeitskraft des Mitarbeiters zu nutzen, ohne aber in ein zu einseitiges Abhängigkeitsverhältnis zu ihm zu geraten. Auf der anderen Seite stehen die Mitarbeiter mit einem Interesse, ihre Arbeitskraft nicht völlig zu verausgaben, gleichzeitig aber für die Firma möglichst unverzichtbar zu sein, um so den eigenen Wert nach oben zu treiben. Der zugrunde liegende Prozess nennt sich (Arbeits-)Markt und hat sich bereits vor über zweihundert Jahren herausgebildet.

Dramatisiert haben sich lediglich die Darstellungsformen in den Unternehmen. Kontrolle wird seltener über allgegenwärtige Manager hergestellt, sondern zum Universalherrn wird auch unternehmensintern der Markt erhoben, dem nichts entgeht, der Erfolg vorurteilslos belohnt und Fehlverhalten unnachsichtig bestraft. Für Mitarbeiter entsteht der Eindruck, dass Misserfolge nicht vom Vorgesetzten, sondern durch die vermeintlich „objektiven Folgen“ des eigenen Tuns bestraft werden. Entlassungen und Schließungen von Unternehmensteilen werden nicht mehr als Willkür eines gewinnorientierten Unternehmers präsentiert, sondern als logische Konsequenz der Marktprozesse.


[1] Zu Zeitdiagnosen siehe aufschlussreich

[2] Siehe nur beispielhaft Dieter Sauer, Volker Döhl: Arbeit an der Kette. Systemische Rationalisierung unternehmensübergreifender Produktion. In: Soziale Welt 45 (1994), S. 197–215.

[3] Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. In: Karl Marx, Friedrich Engels (Hrsg.): Marx-Engels-Werke. Band 8. Berlin 1960, S. 111–207, 160f.

[4] Siehe dazu Stefan Kühl: Arbeit – Marxistische und systemtheoretische Zugänge. Wiesbaden 2018, 67ff.

[5] Karl Marx: Das Kapital. Erstes Buch. In: ders. (Hrsg.): Marx-Engels-Werke. Band 23. Berlin 1962, S. 11–955, 532ff.

[6] N. Luhmann: Funktionen und Folgen formaler Organisation (wie Anm. 5), 104ff.

[7] Stephen A. Ross: The Economic Theory of Agency. The Principal´s Problem. In: American Economic Review 63 (1973), S. 134–139, 134ff.

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